Spinnen

Alles, was sich unser sich selbst spinnendes Spinnennetz so ausspinnt, können sie hier nachlesen. Ob es zukünftige Ereignisse sind, Dinge der Unmöglichkeit, kleine Aphorismen oder aufgeschnappte Zitate. Hier sind sie richtig, wenn sie eine regelmäßige Portion erfrischenden Unsinns wollen.

Der Traum vom Tag des Schreibens

Ein Traum ragt aus dem Meer meiner Erinnerungen als ein fester Fels in der Brandung, der mir Halt gibt. Der Traum vom Schreiben. Ich sage nicht, dass es ein glücklicher Zustand war, der mir da begegnete. Es war ein Rausch, der mich befiel, der an meinen Kräften zerrte und mich nicht los ließ. Ich musste schreiben, so wie andere sagen würden: Ich muss jetzt tanzen oder flicken. Fieber, und das war Liebe. Gebähren, und es war Liebe. Und keiner sage, dass nicht auch die Geburt einer Liebe schmerzvoll sein kann. Es tat höllisch weh, wie sich die Wörter und Sätze aus meinem Körper pressten, durch die hauchdünnen Kapillaren das Blut pumpten, die Sehnen spannten, die Hand um den Stift klammerten. Schreib, Engelchen, schreib auf! Ich saß aufgelöst am violetten Strand, nicht weit von der Meerbrücke, wo mir der alte Mann den Stapel Papier vor die Beine warf. Schreib auf!

Mein Wedding

Mein Wedding
 
Ich möchte einen  kleinen Zipfel vom Wedding greifen, einen flüchtigen Eindruck, den ich als mentale Notiz festgehalte, um die ganze Decke runter zu ziehen, unter der sich mein Wedding befindet. Das geht immer so, dass man nicht alles auf einmal in den Blick bekommt (ausser auf dem Flackbunker im Humboldthain), sondern sich das ganze Panorama aus interagierenden Einzelteilen zusammensetzt. #Stadtteildynamik
Mein Wedding: Als wäre dieser Stadtteil nur für mich existent, mit seinen Bewohnern, den Urgesteinen und den darüber liegenden Bevölkerungsschichten, die wir uns in einer schönen Tutti-Frutti -Torte übereinander geschichtet vorstellen können. Das ist aber der unscharfe Pegida-Blick, dem alles Fremde zu einer einzigen verschwommenen Soße zusammenläuft, die man partout ablehnt #Pegida oder als Soße feiert #Multikulti.
Wie man Gäste empfängt: Ob mit gleichgültigem Fingerzeig auf den Plastikstuhl in der Küche und das einsame Glas Cola davor, oder indem man den Gast mit Gaben überschüttet und das Essen preist, ohne ihm eine Pause zu gönnen … das kann alles kulturelle Prägung sein, und im Wedding kann es einem Durchschnitts-Deutschen unerwartet passieren, die orientalische Gastfreundschaft kennen zu lernen, die vage an eine etwas vernachlässigte Eigenschaft erinnert, den Gast glücklich sehen zu wollen.  Ich habe da viel von meinem türkischen Nachbarn lernen dürfen, ohne denken zu müssen:
Jetzt, wenn ich meinen Gast reichlich bewirten möchte, handel ich türkisch. Das ist nur die Verwirklichung von Großzügigkeit und Gastfreundschaft in meinem eigenen Leben, und in welchem Mischungsverhältnis diese Eigenschaften mit anderen Eigenschaften bei den unterschiedlichen backrounds durchschnittlich auftreten, ist keine Frage, die ich mir tagtäglich stelle.
Eine Frage, die ich mir tagtäglich stelle: Was ist gute Nachbarschaft? Wie können wir aufrecht auf der Straße laufen, obwohl wir den Druck des Elends, der vielen eine grießgrämige Fratze ins Gesicht schneidet, kaum aushalten? Was ist Menschlichkeit?
Das sind allgemeine Fragen. Der Wedding beantwortet sie auf seine Weise, im Wedding-style.
Und der ist für Überraschungen gut.

Ding-Geschichten: Die antike Schublade

1.

Alles begann an einem lustigen Nachmittag. Ich kam mit zwei Bekannten an drei alten Schubladen vorbei, die am Straßenrand aufeinander gestapelt standen.  Mir ging das Bild einer Wunderbox durch den Kopf, eine kleine gestaltete Welt, an der man sich nie satt sehen kann.

Sowas[1] wollte ich immer schon machen, Boxen –  friedliche, mikrologische Panoptika, worin ich meine Traumlandschaften aufbewahren wollte. Das war mein ganz persönliches Schubladendenken, ein Traum-Archiv, in das ich über die Jahre fein säuberlich jedes Phantasie-Bild, jede verrückte Grille und farbenfrohe Vision abgelegt hatte. Der innere Archivar mit seiner weißen Elfenbeinhaut war immer bereit, wenn ich wollte, mich durch dieses Labyrinth zu führen, um eine verschüttete Erinnerung wieder zu entdecken.

Dies ging mir alles durch den Kopf, von dem Elsbeth immer sagt, er sei zu voll, das wäre mein Problem …  (und dann tippte sie mir drei Mal auf den selbigen).

„Komm jetzt“, sagten meine Begleiter, während ich immer noch die Schubladen fixierte, die oberste nahm ich und folgte ihnen. Diese Schublade, antique und weiß gestrichen, hatte nur noch einen Knauf und im Holz drei kleine Risse. Doch bald wurde sie mir zu schwer und der Weg durch die Stadt war noch so weit, und mal trug sich sie mit der rechten , mal mit der linken Hand, auf dem Kopf und setzte sie ab und mich auf sie herauf. Ich hatte mir, wie ich den anderen gestand, eine Bürde aufgeladen. Und sie wehrten mein Klagen ab, „selber schuld, wenn du diesen Schrott mitnimmst“.

Ich schnaufte und stellte zuhause das Ding lieblos in die verwahrlosteste Ecke meines Zimmers: Zum Ofen. Während des Sommers verbuchte ich das Ding als Feuerholz für den Winter und vergaß sie – fast. Dann kam der Kunstmarkt, ein lokales Großereignis, die Zeitungen haben davon berichtet.

2.

DIORAMA stand auf dem farbigen Transparent über den Torbögen, die in das  Künstler-Getto führten. Die rothaarige Piratin hatte das alles organisiert. Gaukler und fahrende Sänger, buntes Volk, Kunstbegeisterte strömten an Ständen vorbei, an denen die Kreatoren ihre Erzeugnisse feil boten. Ich watschelte durch die Menge mit meinen knallgelben Gummistiefeln und dem Kaugummiautomaten des Schicksals mit meinen Texten: Ich nenne ihn DAS ORAKEL, weil der Text, den die Leute ziehen, irgendwie ihrer jetzigen Lebenssituation ein Sahnehäubchen aufzusetzen scheint.

Auf dem Markt habe ich eine Menge kleiner Geschichten erlebt, subtile Zusammenkünfte scherzhafter Impulse, und Augenschmatzer noch und nöcher, während ich mich über die verschiedenen Auslagen lehnte. Sie saß hinter ihrem Stand und hatte nicht erwartet, dass ihre Kunst auf einen begeisterten Gleichgesinnten stoßen wird, mich, ich zeigte mit dem Finger auf meine Brust und stellte mich mit den Worten vor: „Ich bin ein Verleger von Texten in Kaugummiautomaten und liebe alle Arten von Gefäßen, besonders Kisten, Schachteln, Boxen, Kästen, Truhen und alte Flaschen.“

Ich bestaunte, wie sie meine Vision in ihren Kisten verwirklicht hatte, die sie umgaben wie eine gute Stube. Plötzlich ging in meinem inneren Archiv eine Schublade auf, in der sich die weiße Schublade befand, die in meinem Zimmer verstaubte.

„Brauchst du noch eine Schublade, ich habe eine besonders schöne!“                          

 Ihr      Ja klingelte in mir und ich eilte nach Hause und eilte zurück und übergab ihr das edle Stück. „Eins noch“, sagte sie, „kannst du mir die Geschichte davon erzählen? Ich mache nämlich Möbelstücke mit Geschichte“. „Jedes Ding hat seine Geschichte“, antwortete ich und erzählte….

 

3.

Und ich bekam eine E-Mail mit einem Foto vom fertigen Kunstwerk, das meine Erwartungen übertraf. In der Mitte ein Blumenmädchen mit weißem Wind verwehtem Kleide, die auf den drei Rissen steht, als wäre sie auf der Straße zu diesem Land unterwegs, von dem ich immer sage, es gibt es wirklich, und bleibt kurz stehen, um uns eine rote Traumblume zuzuwerfen. Mabellevie.[2] So heißt ihr Laden in der Togostraße, zu dem sie mich einlud. Ich kam aber nie dazu, sie dort bewusst zu besuchen.

Eines Tages, an einem lustigen Nachmittag, streunerte ich mit zwei Bekannten in den Straßen herum und kam wie zufällig auch in die Togostraße.  Ihr Laden war geschlossen. Doch durch das Schaufenster konnte ich meine alte Schublade sehen, die an der Wand hing, und die rote Traumblume wehte mir entgegen.

 
Das Mädchen mit der Traumblume


[1] Ich plädiere für die Erhebung des Wortes Sowas in den Adelsstand eines im Duden verzeichneten Wortes, statt des sperrigen So etwas.

[2]http://mabellevie.de

Das sich selbst spinnende Spinnennetz im All entdeckt

Wir stolperten über eine Nachricht von einem gigantischen Netz, dass uns sehr an unser Fabelwesen erinnerte, welches auf dieser Seite seine Fäden spinnt: Das sich selbst spinnende Spinnennetz. Die Wissenschaftler behaupten, dass alle Galaxien in dieser netzartigen Gas-Struktur, von der der untenstehende Link ein Foto zeigt, eingebunden und dadurch miteinander verbunden sind. Ohne diese ordnende Kraft würden die Galaxien wahllos im Universum verstreut sein, doch sie sind es nicht. Uns dampfte der Kopf beim Verstehen dieses Textes, doch ließ uns die Grundbotschaft unverkennbar eine Parallele zu unserer Vorstellung des Internets und eines intelligenten Verbinders sehen, der unsere Antwort auf die steifen Gottesvorstellungen sind (und dabei nicht mal ernst gemeint sondern eher eine Weiterentwicklung des fliegenden Spagethi-Monsters war). Wenn es dich also doch gibt, selbst spinnendes Spinnennetz, dann spinne deine Netze schön weiter und verbinde uns mit neuen Lesern, die in unsere Welt eintauchen und manch schöne gefangene Schätze mitnehmen möchten.

 

The First Image Of The Mysterious Web That Connects All Galaxies In The Universe

Das Konversations-Lexikon 1.000.000 mal verkauft.

7.7.2017 Heute erreichten uns die neuesten Verkaufszahlen für das Erstlingswerk unseres Autors Arne Schmelzer. Das Konversations-Lexikon Nr. 1, das vor 3 Jahren auf den Markt kam, hat die Marke von einer Millionen verkaufter Exemplare am 2. Juli durchbrochen. Die kleinen Texte sind in aller Munde und haben in den letzten Jahren zu einem neuen gesellschaftlichen Phänomen geführt, das fast in Vergessenheit geraten war: Die Konversation.

Jede Zunge, ob jung oder alt, übt sich mittlerweile in dieser Kunst der schönen, geselligen Rede und landesweit entstanden neue Clubs, in denen eifrig der einfallslosen Maulfaulheit entgegen gewirkt wird. Wir bedanken uns bei allen Lesern für die Treue gegenüber dem Verlag und wir versprechen weiterhin, für sie da zu sein. Das Konversationslexikon Nr. 12 erscheint nächsten Monat. Wir feiern dann mit  ihnen die Eröffnung unseres Verlagshauses, dessen einzelne Stockwerke sie mit einer ins Haus integrierten Achterbahn erreichen. Welche Überraschungen sie dort erwarten? Erleben sie es selbst.

Ihr Schmelzer & Krause Verlag Gmbh

Die Lust, einen Faden zu spinnen, 2. 7. 2014

Etwas am Fortschritt kommunikativer Medien – sei es die potentielle Verbreitung eines ins Web Gestellten (ins Netz gegangenen), sei es die Benutzeroberfläche, das up to date, verwirrt mich: Genauer, irritiert mich. Obwohl die Möglichkeiten eines Mediums steigen, die es einem unmittelbar bewirbt (Like-Button bei Facebook, etc. ), wird die eigentliche Neuheit, die dieser Fortschritt einmal hatte, sofort von der Neuheit der Neuheit veraltet: Das Gefühl, einen Text in ein schmales Web-editor-Fenster zu schreiben und ihn unmittelbar nach dem Schreibprozess, global!, zu veröffentlichen. Diese Möglichkeit, die durch den Web-Blog (der keine Programmier-Kenntnisse mehr bedurfte) demokratisiert wurde, war potentiell eine Revoultion. Sicher ist heutzutage die Folge dieses Post´s, ob er ein weltweiter Kettenbrief ist oder eine arabische Straßenrevolte - die zuerst hervorstechende Seite dieser, ich nannte sie schlicht Neuheit.
Wie aber sieht es mit dem unmittelbar bis zur Grenze des -
Senden - Drückens vor sich gehenden Schreibens aus? Warum, anders ausgedrückt, gelingen E-mails oft so spielerisch, während auf einem Blatt die Miene ständig abbricht?
Dieser Effekt ist beim E-mail Senden, ach was, bei Computer-Textprogrammen schon aufgetaucht. Die Hemmung sinkt fast auf Null, einen Satz einfach so anzufangen, im Wissen, immer wieder
delete drücken zu können, während jeder Strich mit der Feder und Schlagen der Types aufs Schreibmaschinenpapier schon gnadenlose Objektivierung war. Das Schreiben, das Denken und Fühlen im Schreiben verändert sich. Es wird an Qualität im Empfinden wohl nachlassen zuweilen, schneller werden, unbedachter (selbst wenn man es nicht korrigiert: das Wissen darum lässt oft Stehen, was mit dem Stift niemals abgeschickt worden wäre). Es besteht dennoch im Aufkommen dieser technischen Möglichkeit ein Novum, das nicht unterschätzt werden darf: Es kommt dem mühsamen, faulen, nur gelegentlich Schreibenden - sei er ein Philosoph oder ein Dichter - zu Gute. Denn er wird öfter in müßigen oder einsamen Stunden einen flüchtigen Gedanken mit dem World Wide Netz einzufangen versuchen, und vielleicht manchen schönen Gedanken und manches schöne Wort auf den Umwegen der Gelegenheits-Schreiberei in die allgemeine (zumeist konzentrationsschwache) Aufmerksamkeit schleusen und hätte auf das Papier vielleicht nur Kritzel-Krakel geschrieben (und Firlefanz).
Ist es schlecht, kann es mit dem Hinweis
nur ein Blog verteidigt werden. Ist es nur ein hingeworfener Gedanke, mit verwende ich später. Ist es zumindest so geschrieben, dass alle den Gedanken verstehen und sagen, ja das kenne ich? Dann kann man es immer nochmal schreiben (diesmal ernst und nüchtern). Am schönsten aber wirkt die Erwartung, es gleich zum Lesen frei zu geben (world wide), wodurch sich zumindest ein Zu-Ende-Schreiben einstellt, wenn auch kein Schreibstil-Durchhalten. Der leuchtende Text-Editor ist wie ein vorwärts-ziehender Magnet. Man spinnt!