Der Fortsetzungsroman ohne Namen.

1. Berlin

Geschäftiges Treiben auf den Straßen Berlins. Es dunkelte schon, und in den Strom der Nachtschwärmer mischten sich Einheimische und Reisende, gewöhnliche Leute, manche im Schlabberlook, aufgestylte, planlose, verlorene – strömten in Kneipen und Nachtklubs oder vergnügten sich draußen. Durchgängig Stimmengewirr, Getrappel und Geplapper. Kaum einer schenkte ein Ohr für das um ihn herum (Warum auch?). Niemand schien zu bemerken, dass heute Nacht der Himmel klarer war als sonst. Die Lichtglocke, welche die Stadt vor zu viel Sternenlicht abschirmte, war wohl abgestellt wurden, so hell blinkten die Sterne. Einer leuchtete besonders stark. „Das ist ungewöhnlich“ flüsterte Jonathan für sich und blieb plötzlich stehen. Seine Freunde schauten zurück und forderten ihn auf, weiter zu gehen. Da zeigte er auf das Sternenzelt: „Ich habe noch nie so viele Sterne über Berlin gesehen.“ „Du hast nur nie richtig hingeschaut“ entgegnete Jakob „und jetzt komm, wir wollen weiter.“ Dann blickte er noch einmal nach oben, und für einen kurzen Moment blitzte der Himmel auf, und wo vorher der helle Stern war, fiel eine Sternschnuppe hinab. Was war das?, dachte er. Da war aber der Himmel wieder in sein mattes Stadtlicht gekleidet, und der Spuk war vorbei. Ach Jonathan, alles nur ein Trug deiner Augen?

2. In der Nervenheilanstalt Berlin Nord

Sie wartete auf den richtigen Moment, blickte zurück und nutzte den kurzen Zeitspalt, um ihren Fuß in die zufallende Tür zu setzen. Sie verschwand. Doch wurde ihr Verschwinden zunächst nicht bemerkt. Die Pfleger stürzten stattdessen auf die Patientin Nummer 34a/14 und hielten sie in Schach.
Angelika rannte die Straßen hinunter, hinauf und mied jede Menschenansammlung wie ein scheues Reh. Ihr Nachthemd flatterte im Wind und plusterte sie auf. Eine flüchtende Irre, sprach wirres Zeug, dass sie verraten wurde „von ihm, von ihm“ und ein Klecks klebte auf ihrem Sichtfeld, eine lang gezogene Fratze. Seit ihrer Einlieferung (auf Anraten Herberts, der alte Sack) war es dort, das schauerliche Gesicht, das noch die Dreistigkeit besaß, ihr unsinniges Zeug einzuflüstern. „Du musst nach hause gehen. Du wirst dort gebraucht. Du liebes Kind, was träumst du noch, geh los“, und ähnliche Sachen. Heimkehren, aber wohin? Anfänglich schenkte sie der wunderlichen Erscheinung kein Gehör und wehrte sich dagegen, versuchte, darauf einzuschlagen, aber sie boxte nur ins Leere und die Pfleger hielten sie wieder fest. „Frau Dornbusch, da ist nichts!“ Es war ihr irgendwann leid, sich zu wehren. Was blieb ihr anderes übrig, als sich mit dieser Unveränderlichkeit, diesem halluzinierten Faktum zu arrangieren? So fragte sie eines Morgens das Gesicht, wo sie hingehen solle. „Wohin“, wimmerte sie, „ja wohin“? Das überraschte die Teufelsfratze. „Du kannst mich sehen?“ „Wusstest du das nicht?“, entgegnete sie verwundert und ein roter Schimmer überzog Angelikas blasses Gesicht.
Stille dehnte sich im Krankenzimmer aus. Die roten Augen der Fratze kreiselten, säuselten geschwind, bis sie stehen blieben und Angelika fixierten. „Du“, sagte es in barschem Ton, „bist die erste, die mir antwortet!“
Das Eis war gebrochen. In den nächsten Tagen plauderten sie schon über all die kleinen Vorfälle in der Nervenheilanstalt Nord, und ihr kleines Irre wurde ein ständiger Begleiter und Freund. Doch halt – wusste sie den Wahnsinn, der sinnlich wurde, schon zu deuten? Hatte er sich vorgestellt als ein Eindringling oder ein abgespaltener Anteil, der ein Eigenleben führte? Ein Geist? Mit wem redete Frau Dornbusch, fragten sich die Pfleger, die froh waren, sie nicht mehr wild herum fuchteln zu sehen.
„Geh mit mir woanders hin“, sagte die Fratze eines Tages und drängte Angelika, fortzugehen. „Wohin?“ fragte sie. Wohin? „Nach hause“!
Sie ---- verschwand.
 

3. Das wandernde Gesicht

Nachdem sie die letzte Kreuzung überstanden hatte – die Scheinwerfer rasten wie Irrlichter an ihr vorbei – flüchtete sie in den Park. Dort war der Märchenbrunnen.

Figürliches erhob sich am Rande des abfallenden Springbrunnens, in den sich tagsüber Becken für Becken das Wasser ergoss. Rotkäppchen und der Wolf standen neben Goldmarie und anderen Märchenfiguren, der Froschkönig, qu a a k, wo sie sich hinsetzte, den Schweiß von der Stirn wischte und ruhte. Angelika wusste immer noch nicht, wohin sie gehörte und das rätselhafte Treiben des Gesichts, die Teufelsfratze, trug nicht gerade dazu bei, ihr neuen Mut einzuflößen. Diese machte sich nämlich einen Spaß, fuhr in das Gesicht von Rotkäppchen, und rief mit herunterfallenden Löckchen „Der Wolf, der Wolf, zu Hilfe, er will mich fressen.“, um zugleich diesen in markerschütterndem Geheule zu beleben. Dieses Spiel kannte Angelika schon, die Macht der Maske, Dinge zu beleben und ihre Sinne zu verwirren.Sie dachte erst, das sei eine böse Absicht von ihr, sie zu erschrecken, doch die Maske war ein Komiker von Natur und wollte nichts weiter, als sie gelegentlich zum Lächeln zu bringen. „Das Schmunzeln steht dir gut, sagte die Fratze, die nun wie der helle Mond am Abendhimmel hing und teuflich grinste: „Singe ein Nachtlied“.

„Guter Mond, du gehst so stille in den Abendwolken hin, gehst so ruhig und ich fühle, dass ich ohne Ruhe bin. Die Fratze folgte dem Lied in sanfter Himmelsbahn, „traurig folgen meine Blicke deiner stillen heitern Bahn. Oh wie hart ist mein Geschicke, dass ich ohne Ruhe bin.“ Das Lied verrauschte, die Tränen rauschten wie am Tage die Fontäne des Brunnens.

„Das ist mein Lieblingslied“ schluchzte sie. Die Fratze war ihr näher gerückt, hing als Kindermondlaterne dicht vor ihr: „Ich weiß. Auch ich habe ein Lieblingslied, mit dem ich dich beruhigen werde.“ Eine fremdartige Melodie erreichte ihr Ohr und durchzog ihr Inneres mit dem Gefühl eines fernen Ortes, glücksverheißend und unerreichbar. Die Märchenfiguren wiegten im Takt und schienen die Vorhut einer Reisegruppe zu sein, die sich dorthin aufmacht.

Angelikas Tränen versiegten und schon war ihr dieser unbekannte Ort zum Greifen nahe. „Du musst nach hause gehen, du wirst dort gebraucht“ summte das Gesicht zum Schluss und blickte fragend umher.“Was meinst du mit zuhause?“ „Ich weiß es nicht mehr“. Es dämmerte ihr, dass ihr wunderlicher Gefährte ein ähnliches Schicksal hatte, und sollte bald erfahren, wie raschel, raschel, raschel ein roter Fuchs gesellte sich ihnen und setzte sich neben Rotkäppchen. „Ich bin das wandernde Gesicht, mehr weiß ich nicht.“ Die Fratze verflüchtigte sich, puff,, und gleich darauf geriet das Tier in Panik und rannte ziellos, winselnd herum. Reinecke floh, wusste aber nicht, wovor, bis gnädig die Fratze Platz in Angelikas Augenklappe nahm. „Das passiert immer, alle fürchten sich vor mir. Seit Ewigkeiten. Nur einer war mein Freund, aber der ist seit langer Zeit fort.“ Sie durchquerten den Park, bis dort oben der Schornstein der alten Brauerei aufstieg.

 

4. Vom führerlosen Zug abspringen

Jonathan seilte sich ab von den anderen. Wie? Indem er stehen blieb und von einer nachfolgenden Menschentraube geschluckt wurde. Diese spuckte ihn hinter sich wieder aus, als wäre er nicht da gewesen. Jonathan war gerne allein und vergaß das leider viel zu oft. Die Kunst des Verschwindens beherrschte er aber noch gut, dann, wenn ihn eine Kraft mitzog, die seinen inneren Impulsen zuwider war. Er nannte das vom führerlosen Zug abspringen: Ins Ungewisse.

Jetzt war er allein und wusste nichts mit sich anzufangen, außer „dumm rumstehen“, wie sie immer zu ihm sagten, wenn er träumte. Wie ein alter Berliner Eckensteher. Das konnte er gut. Als wäre er nicht ganz da, eine unsichtbare Präsenz, an der das Party-Volk vorbei strömte, eine verlorene Boje im Ozean. Er lief also einfach los und hoffte, das Ungewisse werde sein Wagnis belohnen, diese Nacht allein zu sein. Und die Fratze führte Angelika in die alte Ruine hinein. Sie wollte auf das Dach, um den Sternen näher zu sein, „ schau doch, wie hell das da oben ist.“

Durch das Loch in der Wand kroch sie –––––––– die alte Brauereianlage erhob sich mit den alten rostigen Kesseln und den vielen Treppen, die nach oben führten, auf das Dach. „Wie hell“, rief sie und hielt sich die Hände vor die Augen, um nicht geblendet zu werden.

Für einen Augenblick strahlte über der Esse ein Licht heller als ein Stern und der Nachthimmel schien von einem Stadionfluter beleuchtet zu werden, aufblitzten hundertmal so viele Sterne wie sonst, für einen kurzen Augenblick: Und dann schrumpfte alles zu einer kleinen Helligkeit, die langsam vom Himmel zur Esse hinunter trudelte.